Mise-en-Szene
„So beschwören wir in Blau nicht die Idee der Freiheit im politischen oder gesellschaftlichen Sinne herauf, denn wir gehen davon aus, dass sie in Frankreich so ziemlich erreicht ist. Wenn wir von Freiheit sprechen, meinen wir die individuelle Freiheit, die tiefe innere Freiheit, die Freiheit des Lebens.“
Musik
Die Musik spielt im Film Blau eine ganz besondere Rolle. Kurz nach dem Unfall spielt Juliette, die Protagonistin des Films, am Flügel die letzten Noten, die ihr Mann komponiert hat. Diese werden im Film immer wieder aufgespielt. Es sind die No
ten des geplanten Europakonzertes, welches in Bruchstücken besteht, aber noch vollendet werden muss. Im Film soll das Finale des Europakonzertes als Erinnerung an Van den Budenmeyer komponiert werden. Van den Budenmeyer ist das Pseudonym für den wirklichen Komponisten Zbigniew Preisner, der auch die Musik für Weiß und Rot geschrieben hat.
Immer wenn Julie in sich gekehrt ihren Gedanken nachhängt, dann erklingt die Musik und es scheint, als würde auch sie sie hören. Es sind die intimsten Momente Julies, in denen sie die Vergangenheit ungewollt wieder heimsucht und mit sich reißt. Es scheint, als würde sie das Konzert im Geiste vollenden.
Farbe
In Zusammenhang mit der Musik tritt die Farbe Blau im Film auf. Jedesmal, wenn Juliette die Musik durch den Kopf geht, scheint sie mit blauem Licht bestrahlt zu werden.
Die Farbe zieht sich wie ein roter Faden durch den Film. Schon zu Beginn des Films sehen wir die Tochter Juliettes im Auto mit blauem Zellophan-Papier spielen,
später stellt sich heraus, es war das Papier eines blauen Lutschers. An der Decke im Zimmer der Tochter hing ein blauer Kronleuchter. Diesen nimmt Juliette als einziges Stück aus der Vergangenheit
mit in ihr neues Leben.
Ist die Farbe Blau einmal nicht vordergründig, so dominieren Erdfarben das Geschehen.
Auch die Örtlichkeiten wirken wie in blau getaucht, zum Beispiel die Schwimmhalle, in der Juliette gern ihre Bahnen schwimmt oder das Zimmer der Tochter auf dem Gut, welches völlig blau gestrichen ist und sogar „blaues Zimmer“ genannt wird.
Zudem trägt die Protagonistin häufig blaue Kleidung und die Noten für das Europakonzert schreibt sie mit blauer Tinte. Ebenfalls blau ist die Mappe, in der die Dokumente aus dem Büro des Komponisten aufbewahrt werden. Durch solche Details zeiht sich die Farbe durch den ganzen Film und taucht in fast jeder Szene auf.
Licht
Das Licht variiert im Film je nach Stimmung der Protagonistin Juliette. Wenn sie in sich gekehrt und nachdenklich ist, so schimmert das Licht kalt und blau, teilweise erscheinen blaue Lichtpunkte auf ihrem Gesicht, bei denen nicht immer nachvollziehbar ist, woher sie komme
n. In Zusammenhang mit diesen Lichtreflexen ertönt meistens die Musik.
Jedoch in Momenten, in denen Julie sich auf ihre Umwelt konzentriert und Dinge aus ihrer Umgebung in den Vordergrund treten, ist das Licht eher weich und natürlich, Schatten werden eingefangen.
Kamera
Ähnlich wie die Musik und das Licht tauchen auch bestimmte Kameraeinstellungen in bestimmten Situationen immer wieder auf. Wenn Julie also nachdenklich und auf sich konzentriert ist, also blaues Licht erscheint und die Musik erklingt, so ist das Gesicht von Julie als Close Up zu sehen, wodurch die Emotionen, die sie zu verbergen sucht, erkennbar werden.
Auch von Dingen gibt es viele Naheinstellungen, die jeweils eine Wendung in der Handlung vermuten lassen und eine größere Intimität der Situation erzeugen.
Eine ganz spezielle Einstellung ist die Nahaufnahme von Augen. Hierbei soll jedoch nicht die Emotion festgehalten werden, sondern die Person, die sich in den Augen spiegelt und deren
Reaktion.
Wenn Julie im Bild zu sehen ist und sich bewegt, so wurde oft eine Handkamera verwendet, wodurch eine engere Bindung zur
Protagonistin möglich wird. Eine höhere Emotionalität wird erreicht, indem die Kamera Julie oft folgt und der Zuschauer Dinge gleichzeitig mit Julie wahrnimmt.
Um den Bezug zwischen Bild und Musik darzustellen, visualisiert Kieślowski die Musik durch Noten, die passend zur Musik abgebildet werden. Hierbei wird noch ein stilistisches Mittel deutlich. Denn Kieślowski lässt nicht relevante
Dinge im Bild oftmals unscharf abbilden, beziehungsweise das ganze Bild verschwimmen, wenn in diesem Moment die ganze Aufmerksamkeit auf die Musik gelenkt werden soll.
Setting
Der gesamte Film spielt in Frankreich und obwohl immer wieder weite Landschaften und große Räume das Setting bilden, wirkt es oft trotzdem eingeengt.
So fährt die Familie zu Beginn des Films zwar auf einer wenig befahrenen Landstraße, die nicht einmal von Bäumen gesäumt wird, doch herrscht Nebel, was den Blick somit trotzdem einschränkt. Ähnlich ist es im Schwimmbad, in dem Julie häufig ihre Bahnen zieht. Sie ist zwar allein in dem großen Becken, doch wirkt die Halle durch das blaue Licht und die Beckenbegrenzung beengend. So schafft Sławomir Idziak es, die Freiheiten, die einem das Leben biete
t, optisch zu begrenzen.
Auch als Juliette nach dem Verlassen ihres Gutes, welches von Mauern begrenzt wird, in die Stadt zieht, wird eine Enge geschaffen in den weitläufigen Straßen durch die Menschen, die sich dort bewegen. Befindet Julie sich in einem Raum, so sieht man oftmals mindestens eine Wand, die diesen Raum begrenzt, doch meist auch eine Tür oder einen Durchgang, der die Freiheit eröffnet, die Enge zu verlassen.
Muster
Ein wichtiges Muster im Film „Blau“ ist die Farbe als solche. Sie taucht im gesamten Geschehen immer wieder auf und spiegelt intime Momente im Leben der Protagonistin wider. Doch lässt sich dieses Muster aufteilen in zwei kleinere Details, die im Film immer wieder auftauchen.
So wäre da zum Einen der blaue Kronleuchter aus dem blauen Zimmer von Julies Tochter Anna. Er ist das einzige Stück im Zimmer, welches von der Räumung nach dem Unfall verschont wurde und es ist das einzige Utensil, welches Juliette in ihr neues Leben mitnimmt. Somit steht dieser Kronleuchter als Verbindungsglied zwischen Vergangenheit und Zukunft und verhindert quasi, dass Juliette die Tür zu Vergangenheit komplett schließt.
Als weiteres blaues Muster ist die Mappe zu betrachten, die Olivier aus dem Schreibtisch von Juliettes Mann mitnimmt. Sie tau
cht zweimal im Film auf. Einmal zu Beginn, als Olivier sie zusammenpackt und einmal am Ende, als der Inhalt der Mappe im TV ausgebreitet wird.
In dieser Mappe befinden sich Unterlagen, die Juliette nicht kennt. Da Olivier ihr diese Mappe nie gibt, hat Julie nicht die Freiheit, zu entscheiden, die Mappe zu vernichten. So gelangt die Mappe an die Öffentlichkeit und Juliette wird notgedrungen mit ihrer Vergangenheit konfrontiert und dazu gezwungen, sich mit dieser auseinanderzusetzen.
Kieślowski versteht es in „Blau“ die überaus wichtige Musik auch zu visualisieren. Das Muster der Noten bringt Ruhe in den Film und lässt den Zuschauer an die
Authentizität der Musik glauben. So wird die Musik in den Film integriert und wird zur Handlung gehörend anerkannt.
Da sich das Bild der Noten durch den gesamten Film zieht, wird besonders gut deutlich, dass sich Juliette nicht von ihrer Vergangenheit und damit von der Musik ihres verstorbenen Mannes lösen kann, obwohl das ihr Wunsch zu sein scheint.
Die Musik holt sie wieder ein und holt sie schließlich in ein aktives Leben zurück, bei dem die Musik ihres Mannes zu ihrem neuen Ziel wird.
Als Muster für die Freiheit nutzt der Film einen Flötisten, welcher auf der Straße mit seinem Flötenspiel Geld erbettelt. Juli
ette wird auf ihn aufmerksam, als sie wie so oft in einem Café ihren Kaffee trinkt und dabei seine Musik hört. Diese berührt sie und der Flötist lässt ihr keine Ruhe mehr. Als er einmal auf dem Gehsteig einschläft und seine Flöte neben ihm liegt, schiebt Juliette ihm diese zu. Daraufhin meint er, dass man sich immer etwas bewahren müsse. In einer späteren Szene sieht man den Flötisten, wie er aus einer Limousine aussteigt und auf seinen angestammten Platz geht, um Flöte zu spielen – er bewahrt sich seine Musik, genauso, wie es Juliette ihm im Verlaufe des Films nachtut.